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18.07.2022 Leben oder überleben?

Nach einem gemütlichen Wochenende ging es heute wieder ins Mother Hearts Orphanage. Hanna hat mir versprochen, einige Familien in der Community zu besuchen. Dies sind Familien, deren Kinder in ihre Schule gehen oder gingen, so kennt sie die Familienverhältnisse gut.

Bevor wir losgingen, hat sie mir erzählt, dass viele Eltern kein oder wenig Schulgeld bezahlen, da sie das Geld schlicht nicht aufbringen können. Sie als gemeinnützige Organisation unterstützen solche Familien, indem sie ihnen ein reduziertes Schulgeld anbieten. Hanna seufzt und meint, aber weisst du, auch wir müssen irgendwie überleben, den Lehrern die Löhne zahlen, Essen kaufen für die Kids, unsere 5 Waisenkinder ernähren, Miete begleichen usw.

Heute in der Früh hätte sie 3 Kinder einer Familie wieder nach Hause geschickt, weil kein, respektive sehr wenig Schulgeld bezahlt wurde. Hanna erklärt: kommende Woche schreiben sie Examen. Ihre Erfahrung ist folgend: wenn die Eltern offenes Schulgeld haben, die Kinder ihr Examen schreiben können, dann schicken die Eltern die Kinder im kommenden Term (Trimester) in eine andere Schule, wo sie zumindest nicht mehr im Minus sind. So werden die Schulden nie beglichen und sie als Schule können nichts machen. Aus diesem Grund haben sie entschieden, die Kinder mit offenem Schulgeld kein Examen mehr schreiben zu lassen, so sei es dann schwieriger, in einer anderen Schule aufgenommen zu werden.

Und nun zurück zu den 3 Kindern, die heute in der Früh nach Hause geschickt wurden. Auf dem Weg zu dieser Familie erzählt mir Hanna, dass diese 3 Kinder bei ihrer Oma wohnen, die Mama sei verstorben, HIV.

Schon beim hingehen war mir ein wenig mulmig zumute, was wird uns hier wohl erwarten. Als wir ankamen sah ich ein nettes Haus und dachte mir, ist ja nicht soooo schlimm wie erwartet. Beim genaueren Betrachten sah ich, dass rund um das Haus Wasser steht. Seit 2 Wochen hat es aber nicht mehr geregnet hier. Das Haus sei auf einem tieferen Level gebaut, es stehe quasi im Grundwasser, erklärt Hanna. In der Regenzeit, 2x im Jahr für 1 – 2 Monate, lebe die Familie auf der Strasse, da das Wasser im Haus stehe, knöcheltief, zeigt sie mir.


Dann wurden wir reingebeten, und ich habe ein Zuhause gesehen, dass ich in meinem ganzen Leben noch nie sah und wohl nicht so schnell wieder vergessen werde. Ich bin nach wie vor entsetzt. Was soll ich beschreiben, am besten zeige ich euch die Fotos:


Wir sehen hier das Wohnzimmer


Schlafzimmer Oma und die Kleinen, letztes Fotos Badezimmer


2. Schlafzimmer für das ältere Grosskind, letztes Foto Küche.


Dann beginnt Oma zu erzählen. Sie ist heute 42 Jahre alt. Ihre Tochter wurde in der 7. Primary-Class schwanger, ca. 13 Jahre alt das Mädel, sie bekommt Nakmuli, heute 12 Jahre alt, sie besucht die 6. Primary-Class. Oma kümmert sich um die Tochter und das Baby, nebst 3 weiteren eigenen Kindern, die sie allein aufzieht. 5 Jahre später ist ihre Tochter erneut schwanger, sie bekommt Nambalirwa, heute 7 Jahre alt, 2. Primary-Class. Sie bringt auch dieses Kind zu ihrer Mutter und verschwindet. Nach weiteren 2 Jahren bringt sie ihr 3. Kind zur Oma, Nabasumba, sie ist heute 5 Jahre alt und besucht die Nursery-Middleclass. Sie kümmerte sich nie um die Kinder und lebte ihr eigenes Leben, die Mutter wusste nicht, wo ihre Tochter lebt. Vor ca. 2 Jahren erhielt sie dann die Nachricht, dass ihre Tochter an/mit HIV verstorben ist.


Seit 12 Jahren kümmert sich Oma um ihre Grosskinder, kämpft, versucht irgendwie zu überleben. Eine Arbeit hat sie nicht. Sie macht selbst Samosas, ein Junge hilft ihr dabei, diese zu verkaufen auf der Strasse. Mit mässigem Erfolg, wie ihr euch denken könnt.

Schulgeld kann sie leider nicht, oder nur sehr wenig bezahlen, sie bedankt sich bei Hanna für ihr Entgegenkommen, hat aber keine Ahnung, ob sie die Kinder je wieder zur Schule schicken kann.


In Uganda dauert ein Schuljahr 3 Terms, das Schulsystem hat seine Wurzeln aus der britischen Kolonialzeit. Das Schuljahr ist unterteilt in Trimester (Terms), die jeweils durch kurze Ferien unterbrochen sind (1.Term Februar bis Mai / 2.Term Mai bis August / 3.Term September bis November) .

Das Schulgeld in der Mothers Heart School beträgt (100.000 Uganda Schilling entsprechen rund 26 €):

Nursery-Class 200.000 Uganda Schilling per Term (52€)

1. – 3. Primary-Class 230.000 Uganda Schilling per Term (60€)

4. – 7. Primary-Class 250.000 Uganda Schilling per Term (65€)

Aktuell hat die Oma 830.000 Uganda Schilling (215€) bei der Schule offen. Im vergangenen Term hat sie nichts bezahlen können, im aktuellen 20.000 Schilling. Das nächste Term startet im September, nach den Ferien.

Im letzten Term ist ihnen Hanna entgegengekommen, sie musste statt 680.000 Schilling (176€) „nur“ 300.000 Schilling (78€) bezahlen, im aktuellen hätte sie 550.000 (143€) statt 680.000 Schilling (176€) bezahlen müssen, tatsächlich bezahlt hat sie 20.000 Schilling (5,20€). Aus diesem Grund hat Hanna die Kinder heute nach Hause geschickt.


Für die Oma zu bezahlen wäre nun, alles in Allem, inkl. Schulden und dem kommenden Term für die 3 Kinder 1.380.000 Uganda Schilling, was einen Betrag von ca. 360 € ausmacht.


Was meint ihr? Sollen wir der Oma, respektive der Schule, dieses Geld bezahlen? Ich wäre dafür. Diese Oma gehört einmal im Leben geehrt/beschenkt, einfach nur so, damit sie weiss, dass ihre Arbeit von irgendwem/irgendwoher wertgeschätzt wird. Den Kindern würde ich gerne etwas Zuversicht schenken, oder Hoffnung. Oder vielleicht einfach einen geregelten Alltag, indem sie morgens zur Schule können und beschäftigt sind bis Abends. Auf sicher eine Mahlzeit im Tag erhalten. Was machen sie sonst? Wenn sie nicht mehr in die Schule dürfen? Den ganzen lieben langen Tag?

Wenn wir rasch entscheiden, können die Kinder ihre Examen im laufenden Term noch schreiben. Mir ist bewusst, dass diese Hilfe nicht nachhaltig ist. Aber was ist hier schon nachhaltig? Zumindest mit meinem Maßstab gemessen? Vielleicht geht es hier einfach nur ums überleben, und/oder um das Leben etwas erträglicher zu machen? Ich überlege mir auch, für die Familie Lebensmittel einkaufen zu gehen? Denn nun erhalten die Kinder kein Essen mehr, da sie nicht mehr in der Schule sind. Ob die Oma aktuell Geld hat, um Lebensmittel zu kaufen, weiss ich nicht.


Neben mir auf dem Boden kraxeln Ameisen und andere Tierchen herum, ausser im Wohnzimmer ist überall Lehmboden, es riecht schrecklich, ich will einfach nur bitte schnell wieder raus hier. Gott was habe ich für ein Glück mit meinem Leben ❤️.

Wenn man auch sagt, aber in Afrika sind sie wenigstens glücklich, das kann ich von dieser Familie nicht behaupten, man sieht den Schmerz in ihren Gesichtern und spürt ihre Hoffnungslosgkeit, sie sind vom Schicksal gezeichnet.


Das wars für heute, die 2. Familie erspare ich euch, ähnliches Schicksal, aber ein etwas schöneres zuhause. Morgen werde ich ein weiteres Waisenhaus besuchen, eines das ich noch nicht kenne. Am Mittwoch gehe ich wieder zu Hanna, am Donnerstag fahre ich mit Yunus in sein anderes Waisenhaus in Rakai, ca. 2 Stunden von Kampala entfernt, der Freitag ist noch offen und am Samstag begleite ich Hanna in die Villages. Das wird eine anspruchsvolle Woche, ich werde euch einiges zu berichten haben.


So langsam zähle ich schon die Wochen / Tage, am 24. August muss ich Uganda verlassen, dann läuft mein Visum aus. Jetzt dauert es also wirklich nicht mehr so lange, bis ich wieder nach Hause komme ❤️❤️❤️, ich freue mich und bin so dankbar, dass ich so ein schönes Zuhause und so viele gute HERZmenschen um mich habe. Danke für Eure Begleitung und euer für mich da sein, sei dies in Gedanken, mit Nachrichten, durch Spenden oder ein gutes Gespräch. Das bedeutet mir unheimlich viel und gibt mir Kraft❤️❤️❤️!


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